Die Frau als Sonderfall

Zur Behandlung der Geschlechter in der deutschen Sprache

Fassung vom 18. Oktober 2020

1 Ausgangspunkt

Wir wollen zunächst eine Bestandsaufnahme machen, wie die Geschlechter in der deutschen Sprache behandelt werden. Alle neueren Änderungsversuche lassen wir dabei zunächst außen vor, so dass wir die Sprache in ihrer Form von etwa 1970 betrachten.

Zu unterscheiden ist zwischen dem grammatikalischen und dem biologischen Geschlecht, wobei allerdings auch das biologische Geschlecht in der Grammatik vorkommt. Mit dem Begriff Geschlecht ist im Folgenden immer das biologische Geschlecht gemeint. Für das grammatikalische Geschlecht wird dagegen der lateinische Ausdruck Genus verwendet. Die Genera werden entsprechend als Maskulinum, Femininum und Neutrum bezeichnet. Mit männlich und weiblich sind hingegen die biologischen Geschlechter gemeint. Andere biologische Geschlechter gibt es in der Grammatik nicht.

Die Reihenfolge in männlich und weiblich ist dabei einfach eine Konvention, ebenso wie umgekehrt z.B. in Damen und Herren. Bei den Genera dagegen ist das Maskulinum tatsächlich der Ursprung, von dem Femininum und Neutrum in weiten Teilen abgeleitet sind. Das zeigt sich u. a. darin, dass neu eingeführte oder einem Sprecher oder Zuhörer unbekannte Wörter, die keinen Anhaltspunkt für ein Genus bieten, stets zunächst als Maskulinum behandelt werden. Am gegenwärtigsten ist dies bei den vielen Fremdwörtern aus dem Englischen. Davon abgewichen wird nur, wenn das Wort an ein bekanntes Wort, einen Oberbegriff oder durch Vor- und Nachsilben an eine Kategorie erinnert. Das Maskulinum ist hier also das Standardgenus.

Die Genera haben sich nicht entwickelt, um die Welt in männlich, weiblich und sächlich einzuteilen, sondern um die Bezugnahme zu erleichtern. So lässt sich erklären, dass zusammen benutzte Wörter oft verschiedene Genera haben, z.B. das Messer, die Gabel, der Löffel. Anstatt nach den Geschlechtern ließen sich die Genera vielleicht sinnvoller nach ihrer Bedeutung als Individual- oder Standardgenus, Kollektivgenus (Kollektivum) und Stoff- oder Substanzgenus (Kontinuativum) benennen. Das Weibliche wurde wohl erst später dem Kollektivgenus zugeordnet.

Dementsprechend hängt im Deutschen, wie auch in vielen anderen Sprachen, das Genus eines Wortes nur teilweise vom Geschlecht des Bezeichneten ab und die Unterscheidung zwischen Genus und Geschlecht wird notwendig. Am offensichtlichsten ist das bei Wörtern, die keine Lebewesen bezeichnen und deshalb auch kein Geschlecht haben können. Diese Wörter haben nicht etwa überwiegend das Genus Neutrum, sondern sind auf die drei Genera ungefähr gleichmäßig verteilt.

Bei Bezeichnungen für Personen oder Tiere gibt es zwei verschiedene Kategorien: Wörter, die Personen oder Tiere eines bestimmten Geschlechts bezeichnen, haben meistens auch das diesem Geschlecht entsprechende Genus, z.B. der Vater, die Mutter, der Hengst, die Stute. Wörter hingegen, die kein bestimmtes Geschlecht bezeichnen, verteilen sich auf alle drei Genera, z.B. der Mensch, die Person, das Kind, der Hund, die Katze, das Pferd. Die meisten Bezeichnungen für einzelne Personen sind dabei allerdings Maskulina. Besonders häufig ist dies bei Tätigkeitsbezeichnungen, z.B. Bäcker, Radfahrer, Professor, Student. Dafür sind Bezeichnungen für Kollektive meistens Feminina, z.B. Familie, Firma, Gesellschaft, Menschheit.

Es gibt auch die Ansicht, dass bei Wörtern, die Lebewesen bezeichnen, das Genus dem Geschlecht entspreche. Die geschlechtsneutral verwendeten unter diesen Wörtern wären demnach alle als Ausnahmen zu betrachten. Das wäre dann der überwiegende Teil von ihnen. Darunter fielen auch praktisch alle normalerweise verwendeten Tierbezeichnungen. Diese Theorie hat also mehr Ausnahmen als Regelfälle. Damit beschreibt sie nicht die Sprache, sondern träumt nur von einer anderen.

Bei den Personen- und Tierbezeichnungen ohne bestimmtes Geschlecht gibt es die Möglichkeit der Movierung. Damit wird festgelegt, welches Geschlecht ein Wort bezeichnen soll. Am häufigsten ist im Deutschen die Movierung eines Maskulinums nach weiblich. Gebildet wird sie wie ein Diminutiv durch ein Suffix und oft zusätzlich eine Verumlautung des Stammvokals. Das Suffix -in entspricht dem germanischen Zugehörigkeitssuffix und dem althochdeutschen Diminutivsuffix, aus denen auch die heutigen Diminutivsuffixe wie -chen und -lein entstanden. Auch mit diesen werden Bezeichnungen für weibliche Personen gebildet, wie z.B. Mädchen und Fräulein. Letzteres ist heute kaum mehr gebräuchlich, weil der Diminutiv gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz verstößt.

Viel seltener gibt es auch die Movierung eines Femininums nach männlich, z.B. der Witwer, der Hexer, der Bräutigam. Noch seltener, aber nicht unmöglich, ist die Movierung eines Femininums nach weiblich oder eines Maskulinums nach männlich. Ein weiterer seltener Fall ist die Movierung von Formen ohne Genus wie Adjektiven und Partizipien, z.B. der/die Beamte → die Beamtin. Je nach Wort ist die Movierung in sehr unterschiedlichem Maße gebräuchlich. So ist z.B. „die Gästin“ heute nicht mehr gängig.

Im 16. und 17. Jahrhundert wurde die Movierung bei vielen Wörtern eingeführt, um männliche und weibliche Bereiche und Rollen zu trennen. Bereits im 18. Jahrhundert war dies nicht mehr so gebräuchlich. Eine movierte Berufsbezeichnung bezeichnete damals die Ehefrau eines Mannes dieses Berufs. Eine Frau mit diesem Beruf wurde dagegen ohne Movierung bezeichnet.

Bei Tieren wird nur selten moviert. Üblich ist es nur, wenn das Geschlecht eines Tieres hervorgehoben werden soll. Für viele Tiere gibt es geschlechtsspezifische Bezeichnungen, so dass keine Movierung nötig ist. Ansonsten werden Tiere normalerweise mit ihrem geschlechtsneutralen Namen bezeichnet.

Manchmal wird auch moviert, um das Genus eines Wortes an das Genus eines anderen anzugleichen, z.B. die Klägerin, wenn eine Firma gemeint ist, die ja ein Femininum aber geschlechtslos ist. Dies ist aber nur in bestimmten Kreisen üblich. Man kann diese Wörter immer auch ohne Movierung benutzen, und dies ist der Normalfall. Dass dann die Genera aufeinander bezogener Wörter nicht mehr übereinstimmen, könnte höchstens manchmal die Bezugnahme unklar machen, so dass der Satz anders formuliert werden muss, stellt aber ansonsten kein Problem dar.

Während beispielsweise im Italienischen die Endungen -o und -a gleichwertige Formen eines Wortes für beide Geschlechter bilden, gibt es im Deutschen nur die Möglichkeit der Movierung. Die Movierung ergibt kein gleichwertiges Femininum, sondern drückt die Abweichung vom Normalfall, dem Maskulinum aus. Formen wie die Lehrerin sind also keine genuinen Feminina, sondern nur movierte Maskulina.

2 Probleme

Dass die deutsche Sprache die Geschlechter so unterschiedlich behandelt, führt zu einer Reihe von Problemen:

Aus den movierten Formen wird bisweilen geschossen, dass die unmovierte Form das jeweils andere Geschlecht bezeichne. Durch diesen Schluss wird es dann beispielsweise notwendig, bei jedem geschlechtsneutralen Wort, das sich auf eine weibliche Person bezieht, genau abzuwägen, ob die Movierung bei diesem Wort gebräuchlich ist oder nicht. Andernfalls könnte man sonst missverstanden werden, dass man entweder eine männliche Person meine, oder andersherum die Weiblichkeit der weiblichen Person besonders hervorheben möchte.

Das andere Problem ist, dass bei geschlechtsneutralen Personenbezeichnungen teilweise trotzdem in erster Linie an das dem Genus entsprechende Geschlecht gedacht wird. Dabei spielt aber auch die Erfahrung eine Rolle: Wenn ein Beruf erfahrungsgemäß fast nur von Männern ausgeübt wird, wie z.B. Maurer, dann wird auch bei der Berufsbezeichnung eher an Männer gedacht. Bei Friseuren und Floristen dagegen denkt man eher nicht an Männer, obwohl auch diese Bezeichnungen Maskulina sind. Umgekehrt hängt es beim Femininum Lehrkräfte wahrscheinlich von der Art der Schule ab, an wen man denkt. Sobald man in einem Beruf einige Frauen gesehen hat, wird man bei der Berufsbezeichnung eher nicht mehr an Männer denken. Auch hier hängt es aber entscheidend davon ab, ob das jeweilige Wort üblicherweise moviert wird oder nicht. Je gebräuchlicher die nach weiblich movierte Form eines Worts ist, desto eher wird man bei der unmovierten Form dieses Worts an Männer denken.

Häufig wird beklagt, dass Frauen bei Bezeichnungen mit Genus Maskulinum nur „mitgemeint“ seien. Durch das Maskulinum würden demnach die Männer direkt genannt und die Frauen nur stillschweigend hinzugedacht. So eindeutig ist das freilich nicht. Was jemand gemeint oder gedacht hat, ist nicht so einfach zu erkennen, sondern müsste erfragt werden. Mit welcher Bedeutung ein Maskulinum verwendet wird, hängt auch vom Kontext ab und davon, wie gebräuchlich beim konkreten Wort die Movierung ist. Dennoch zeigt diese Klage die Problematik, die durch die unterschiedliche Behandlung der Geschlechter und die Movierung entsteht.

Alle diese Probleme entspringen dem Grundproblem, dass das Maskulinum bei Personenbezeichnungen zugleich als männlich und als geschlechtsneutral interpretiert wird. Welche Interpretation jeweils gewählt wird oder überwiegt, hängt von verschiedenen Faktoren ab, die schwer zu verstehen sind. Dass demgegenüber das Weibliche tendenziell als das Besondere behandelt wird, hat sowohl diskriminierende als auch bevorzugende Aspekte. Aber auch eine bevorzugende Sonderbehandlung kann man als Diskriminierung ansehen.

3 Ziel

Die verschiedenen neueren Ansätze zur Veränderung der Behandlung der Geschlechter in der deutschen Sprache werden oft als „geschlechtergerechte Sprache“ zusammengefasst. Aber was soll Gerechtigkeit in der Sprache sein? Wenn Gerechtigkeit bedeutet, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln, stellt sich die nächste Frage, in welcher relevanten Hinsicht Männer und Frauen ungleich sind. Da die Geschlechter sich je nach Kriterium mal gleichen und mal unterscheiden, kann diese Frage ganz unterschiedlich beantwortet werden. So ließe sich also auch mit irgendwelchen Unterschieden eine Ungleichbehandlung begründen. Hier dagegen wollen wir davon ausgehen, dass es keine relevanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, die eine Ungleichbehandlung in der Sprache rechtfertigen könnten. Dementsprechend soll konkreter von sprachlicher Gleichbehandlung gesprochen werden.

Ein sinnvolles Ziel könnte also sein, die deutsche Sprache so zu verändern, dass alle Geschlechter gleich behandelt werden. Idealerweise sollte das Geschlecht von Personen, wenn es für eine Aussage nicht relevant ist, auch keinen Unterschied in der Sprache machen. Eine Alternative dazu wäre, die Geschlechter zwar unterschiedlich, aber gleichwertig zu behandeln. Die in der deutschen Sprache vorhandene Sonderbehandlung von Frauen noch zu verstärken, erscheint dagegen nicht sinnvoll. Sie führt in genau die entgegengesetzte Richtung.

Häufig wird als Ziel genannt, Frauen sollten in der Sprache „sichtbar“ gemacht werden. Dies scheint ein mittelbares Ziel darzustellen, um eine Gleichbehandlung zu erreichen. Wie wir noch sehen werden, führt es aber in aller Regel ebenfalls dazu, dass die Sonderbehandlung von Frauen verstärkt wird, was der Gleichbehandlung entgegenwirkt. Grundsätzlich erscheint es nicht sinnvoll, irgendwen ohne inhaltlichen Grund sprachlich hervorzuheben. Denn das verschlechtert nicht nur die Verständlichkeit der Sprache, sondern widerspricht auch der sprachlichen Gleichbehandlung.

4 Ideen und Ansätze zu deren Umsetzung

Es gibt drei verschiedene grundlegende Ideen, wodurch die Behandlung der Geschlechter in der deutsche Sprache verändert werden soll. Zu jeder der Ideen gibt es verschiedene Ansätze zur Umsetzung, welche sich auf diese Ideen berufen:

  1. Hinweise auf Frauen
    Umsetzungsansätze: Hinweissätze, Doppelnennung, Doppelnennungsabkürzungen, Feminisierung

  2. Gleichberechtigte Nennung beider Geschlechter
    Umsetzungsansätze: Doppelnennung, Doppelnennungsabkürzungen

  3. Geschlechtsneutrale Ausdrücke
    Umsetzungsansätze: Ersatzwörter, Doppelnennungsabkürzungen

Die Idee 2 erweist sich, wie wir noch sehen werden, als nicht umsetzbar, da alle Umsetzungsansätze dazu letztlich zur Idee 1 führen. Die verbleibenden Ideen 1 und 3 schließen sich gegenseitig aus. Sie lassen sich nicht gleichzeitig, sondern höchstens für jeden Ausdruck abwechselnd verfolgen. Trotzdem werden die Umsetzungsansätze mal mit der einen und mal mit einer anderen Idee gerechtfertigt. Im Folgenden sollen diese Ansätze beleuchtet werden, kategorisiert nach den Ideen, auf die sie hinauslaufen.

4.1 Hinweise auf Frauen

Eine verbreitete Ausdrucksweise ist es, seinen Vortrag oder Text immer wieder zu unterbrechen, um darauf hinzuweisen, dass Frauen auch mitgemeint seien. Es gibt sehr viele verschiedene Möglichkeiten, dies auszudrücken:

Eine Möglichkeit sind eingeschobene Halbsätze wie „und Frauen auch“. Damit wird ganz explizit darauf hingewiesen, dass Frauen auch mitgemeint sind, obwohl wir genau das doch eigentlich überwinden wollten.

Eine andere Möglichkeit ist die zusätzliche Nennung der movierten Form, z.B. „der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin“ oder im Plural „die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“. Dies wird auch als Doppelnennung bezeichnet, wobei hier aber nicht Männer und Frauen genannt werden, sondern Maskulinum und nach weiblich moviertes Maskulinum. Pronomen, die sich auf eine Singular-Doppelnennung beziehen, können entweder ebenfalls als Verdoppelung ausgeführt werden, z.B. „er oder sie“, als Abkürzung davon, z.B. „er/sie“, oder indifferent als Plural und Femininum, z.B. „sie“. Die Reihenfolge kann bei der Doppelnennung auch umgekehrt werden, ohne dass sich dadurch irgendetwas Wesentliches ändert.

Die Doppelnennung kann abgekürzt werden, indem statt der Wiederholung des Maskulinums ein Schrägstrich gesetzt wird, z.B. „Mitarbeiter/-in“ oder „Mitarbeiter/in“. Auch eine Schreibweise mit Klammern gibt es, z.B. „Mitarbeiter(in)“. Durch Verschmelzung des Schrägstrichs mit dem folgenden „i“ entstand in den 1980er Jahren das Binnen-I, z.B. „MitarbeiterIn“. Diese Regelüberschreitung ermunterte dann offensichtlich dazu, anstelle des Schrägstrichs auch nahezu beliebige andere Sonderzeichen zu verwenden. Ausgesprochen werden diese Abkürzungen ebenfalls als Doppelnennung oder alternativ so, wie sie geschrieben sind, mit getrennten Teilen. Im Singular müssen nun auch noch die Artikel so wie schon die Pronomen behandelt werden, der bestimmte Artikel z.B. „der oder die“, „der/die“ oder „die“ und der unbestimmte Artikel z.B. „ein oder eine“, „ein/eine“, „ein/e“ oder „eine“. Ein Problem gibt es außerdem bei einer Verumlautung des Stammvokals durch die Movierung ohne gleichzeitige Verumlautung durch den Plural, z.B. „Arzt oder Ärztin“, „Bauern und Bäuerinnen“. Dort wird dann entweder die Doppelnennung ausgeschrieben oder der movierte Wortstamm benutzt, z.B. „ÄrztIn“, „BäuerInnen“.

Im Plural oder wenn im Singular nur der Artikel oder das Pronomen des Femininums benutzt wird, kann diese Form alternativ auch als Feminisierung mit Zusatzsymbol interpretiert werden. Eine Variante davon und eine weitere Möglichkeit zur Aussprache ist es, ohne ein Zusatzsymbol nur noch das nach weiblich movierte Maskulinum zu nennen, auch wenn nicht nur Frauen gemeint sind. Dies ist zwar die kürzeste Variante der Doppelnennung, dafür stiftet sie aber zusätzliche Verwirrung. Steigern lässt sich letztere noch durch eine nicht durchgängige, sondern abwechselnde Anwendung.

Durch die bei diesen Umsetzungsansätzen praktizierte separate Nennung der movierten Form entsteht vermehrt der Eindruck, dass das Maskulinum der Gegenpol dazu sei. Dadurch wird dieses immer mehr als männlich interpretiert. Die entsprechenden Stellen werden dann so verstanden, dass Frauen dort nur mitgemeint sind. Also wird auch hier genau das verstärkt, was eigentlich überwunden werden sollte.

Vermutlich ein Nebeneffekt der ständigen Movierungen ist, dass auch immer mehr bisher üblicherweise nicht movierte Wörter auf einmal moviert werden. Manchmal werden sogar eigentlich geschlechtsneutrale englische Wörter moviert, zu z.B. „Userin“ oder „Teenagerin“. Diese Wörter müssen dann irgendwie halb englisch, halb deutsch ausgesprochen werden.

Die Zusatznennungen machen Texte länger und führen zu unlösbaren grammatischen Widersprüchen. Darunter leidet die Verständlichkeit, auch weil die Zuhörer oder Leser die Redundanzen wieder herausfiltern müssen. Die entstehenden vielfältigen sprachlichen Probleme sind bekannt und brauchen daher hier nicht weiter vertieft werden.

Das ständige Nennen von Geschlechtern sorgt des Weiteren für eine Sexualisierung der Sprache. Die Aufmerksamkeit wird auf die Geschlechtszugehörigkeit der genannten Personen gelenkt. Sofern die Zusatznennungen als Hinweise gemeint sind, scheint dieser Effekt auch durchaus beabsichtigt zu sein. Er widerspricht aber dem Ziel, dass das Geschlecht für die Behandlung keine Rolle spielen sollte.

Dass es Personen gibt, die sich keinem der beiden Geschlechter zuordnen können oder wollen, wird bei diesen Ansätzen nicht berücksichtigt. Die Abkürzungen der Doppelnennung mit einem Stern oder Unterstrich berücksichtigen dies lediglich symbolisch. Die binäre, dualistische Geschlechterkonzeption wird durch diese Ansätze vielmehr erst recht fundamentiert. Weitere zusätzliche Nennungen sind nicht praktikabel, weil Texte noch länger und die grammatischen Probleme noch größer würden, und es außerdem auch gar keine entsprechende Form gibt. Inkludiert sind diese Personen also nur bei geschlechtsneutralen Formen.

Selbst wenn sich solche Sprechweisen in Hochschulen und der Politik verbreiten, ist ausgeschlossen, dass die einfachen Menschen diese Sprache im Alltag verwenden, da sie viel zu umständlich ist. Sprache tendiert zur Vereinfachung. Eine Sprache nur als Privatsprache im Elfenbeinturm zu verwenden, ist sinnlos. Es ist sogar kontraproduktiv, weil es wirkliche Lösungen verhindert. Die oben genannten Probleme werden durch alle diese Umsetzungsansätze in keiner Weise gelöst, sondern eher verschlimmert.

Wenn diese Ausdrucksmöglichkeiten wirklich als Hinweise gemeint sind, dann müsste ein einmaliger Hinweis für jede genannte Person oder Gruppe eigentlich ausreichen. Wiederholungen können zwar als rhetorisches Stilmittel eingesetzt werden, wirken ansonsten aber störend und ermüdend. Oder aber die Doppelnennungen werden nicht zur Umsetzung der Idee 1, sondern der Idee 2 eingesetzt.

4.2 Gleichberechtigte Nennung beider Geschlechter

Eine gleichberechtigte Nennung beider Geschlechter ist in der deutschen Sprache nicht möglich, da es keine gleichwertigen Formen für beide Geschlechter gibt. Als männliche Form gibt es nur das eigentlich geschlechtsneutrale Maskulinum und als weibliche Form nur das nach weiblich movierte Maskulinum. Eine Nennung dieser beiden Formen ist nicht gleichwertig, sondern ergibt eine Sonderbehandlung von Frauen. Für eine Gleichwertigkeit müsste zumindest auch eine männliche Movierung erfunden werden. Eine solche Verkomplizierung einzuführen, wird aber ziemlich aussichtslos sein, da die Leute kaum ein Bedürfnis danach haben werden. Denn in den wenigen Fällen, in denen man nur männliche Personen meint, lässt sich das auch mit entsprechenden geschlechtseindeutigen Wörtern ausdrücken, wie z.B. männlich, Mann, Junge, Bub, Vater, Bruder, Onkel.

Ein Versuch zur Umsetzung der gleichberechtigten Nennung ist die bereits besprochene Doppelnennung. Lassen wir das Problem, dass das movierte Maskulinum kein gleichwertiges Femininum ist, einmal außen vor und nehmen an, es würde tatsächlich eine männliche und eine weibliche Form geben. Wenn damit beide Geschlechter wirklich gleichberechtigt genannt werden sollen, dann muss das natürlich konsequent bei jedem Vorkommen männlicher Formen gemacht werden. Gelegentliche Zusatznennungen der weiblichen Form reichen nicht, denn nur gelegentliche Gleichberechtigung ist das Gegenteil von Gleichberechtigung. Dies gilt auch über alle schriftlichen wie mündlichen Verwendungsbereiche der Sprache hinweg, nicht nur für Sonntagsreden, sondern auch für die Umgangssprache.

Obwohl Doppelnennungen und deren Abkürzungen schon seit den 1980er Jahren verwendet werden, scheint es aber niemanden zu geben, der sie halbwegs konsequent durchhält. Selbst die größten Fürsprecher geschlechtergerechter Sprache schaffen das nicht oder halten es nicht für nötig. Die konsequentesten Leute machen es etwa bei jedem zweiten Vorkommen. Ansonsten wird eben das Maskulinum verwendet. Damit kann von einer gleichberechtigten Nennung beider Geschlechter keine Rede mehr sein.

Dass niemand das konsequent schafft, dürfte daran liegen, dass es nicht praktikabel ist. Neben der Verlängerung und Verkomplizierung gibt es bei konsequenter Anwendung auch noch das Problem, dass man beim Sprechen oder Schreiben ständig überlegen muss, ob man ein Wort movieren soll oder nicht. Denn bei vielen Maskulina ist eine Movierung nicht üblich. Auch der Zuhörer kann sich dann ständig fragen, ob eine movierte Form absichtlich weggelassen wurde und ob vielleicht doch nur Männer gemeint oder doch auch Frauen mitgemeint sind. Auch hier wird also das erzielt, was überwunden werden sollte.

4.3 Geschlechtsneutrale Ausdrücke

Eine andere verbreitete Praxis ist, alternative Ausdrücke zu benutzen, die geschlechtsneutral sind oder dafür gehalten werden. Diese Ausdrücke bedeuten allerdings meistens nicht das Gleiche wie die Wörter, die sie ersetzen. Oft werden dafür Partizipien gebildet:

  • „Studierende“ statt Studenten: Studieren momentan, sind aber eigentlich keine Studenten. Sie machen eigentlich etwas anderes und studieren nur nebenbei oder nicht ernsthaft. Mit Studenten verbindet man dagegen auch einen bestimmten Lebensabschnitt, das Studentenleben und das Ziel eines Abschlusses.

  • „Dozierende“ statt Dozenten: Belehren andere, wie sie zu denken haben.

  • „Redende“ statt Redner: Leute im Publikum, die während des Vortrags die Klappe nicht halten können. Oder Leute, die übles Geschwätz verbreiten.

  • „Zu Fuß Gehende“ statt Fußgänger: Können heute ausnahmsweise nicht fahren und müssen deshalb zu Fuß gehen.

Berufsbezeichnungen sind nach dieser Art ohnehin nicht möglich, da wer eine Tätigkeit tut, nach der ein Beruf benannt ist, deshalb noch lange nicht diesen Beruf ausübt oder gelernt hat. Beispielsweise backen viele Leute und könnten demnach als Backende bezeichnet werden, ohne Bäcker zu sein.

Was wird durch solche Partizipien nun erreicht? Es wird lediglich die mögliche Movierung verhindert. Im Plural ist z.B. Studentinnen nicht mehr möglich. Die Movierung bleiben zu lassen ist aber natürlich auch ohne Partizip möglich. Immer noch wird im Singular das Geschlecht durch den Artikel festgelegt, z.B. „der Studierende“ und „die Studierende“. Wenn also ein Studierender unbekannten oder irrelevanten Geschlechts bezeichnet werden soll, wird entweder nach wie vor das Maskulinum verwendet oder es werden beide Artikel irgendwie verknüpft.

Eine andere Möglichkeit ist das Anhängen von „-person“, „-kraft“ oder ähnlichen aussagelosen Wörtern, um dadurch das Genus zu verändern, z.B. „die Lehrkraft“ statt der Lehrer. Eine weitere Option sind Substantivierungen auf „-ung“, z.B. „Leitung“ statt Leiter oder Dirigent. Diese machen die Sprache unpersönlich, ungenau und umständlich.

Daneben gibt es auch noch den Trend, Leute nicht mehr mit ihren Namen, Berufen, Tätigkeiten und Verhältnissen zueinander, sondern alle nur noch als Menschen zu bezeichnen. Von Menschen spricht man normalerweise, wenn es um Biologie, Anthropologie, Menschenrechte, die Menschheit oder in der Religion ihr Verhältnis zu Gott geht. Für den Umgang miteinander gibt es dagegen verschiedene, für die jeweilige Situation passende Ausdrücke. Dass dieses Wort auch noch ein Maskulinum ist, scheint merkwürdigerweise niemanden zu stören.

Im Gegensatz zu allen anderen Umsetzungsansätzen besteht bei diesen Ersatzausdrücken die Möglichkeit, dass sie sich langsam im Sprachgebrauch durchsetzen. Aber die konsequente Ersetzung aller Maskulina wäre völlig uferlos. Wir müssten dafür einen Großteil der Wörter der deutschen Sprache ersetzen. Es wäre vielleicht sogar einfacher, auf eine bestehende andere Sprache umzusteigen.

Der andere Haken ist, dass die neuen Wörter ja immer noch ein Genus haben. Dieses hat mit dem Geschlecht der Person meistens nichts zu tun. Wenn uns das nicht stört, warum hat es uns dann zuvor bei den Maskulina gestört? Ist es zielführend, einfach möglichst viele Maskulina in Feminina umzuwandeln? Oder geht es nur darum, die Movierung loszuwerden? Dann hätten wir die aber doch auch bei den alten Wörtern einfach bleiben lassen können.

Oft als geschlechtsneutrale Formen propagiert werden auch die diversen Varianten von Abkürzungen der Doppelnennung, die wir bereits bei Idee 1 behandelt haben. Sie sind aber keine geschlechtsneutralen Formen, weil sie wie die Doppelnennungen verwendet werden, die sie abkürzen. Theoretisch ließe sich natürlich trotzdem bei jeder Form sagen, man meine sie geschlechtsneutral. Es gibt dann aber keinen Grund, warum Doppelnennungsabkürzungen eher geschlechtsneutral sein sollten als die nicht movierte Form.

5 Auswirkungen

Bereits bei Adam und Eva ist die Frau eine Ableitung des Mannes. Mit der Movierung ist dieses Konzept auch in die Sprache eingekehrt. Der Mann wird in der Sprache fast immer als normaler Mensch behandelt, die Frau oft als davon abweichender Sonderfall.

Die sprachliche Behandlung als normalen Menschen drückt sich dadurch aus, dass bei der Erwähnung nichts Spezielles dazugesagt wird. Jeder Hinweis auf Besonderheiten einer Person unterscheidet sie von anderen und macht sie so zu etwas Besonderem. Normalerweise ist das kein Problem, wir sprechen natürlich oft über bestimmte Personen oder Gruppen. Wenn aber ständig auf Frauen separat hingewiesen wird, ist das eine dauerhafte Sonderbehandlung.

Eine mögliche Wirkung dieser Sonderbehandlung könnte sein, dass dann tatsächlich immer mehr nur Männer gemeint und interpretiert werden. Denn meistens wird ja nach wie vor das Maskulinum verwendet. Wenn dieses immer mehr als rein männlich interpretiert wird, bekommen Frauen dadurch ein separates Sprach-Ghetto, in dem sie wiederum nur über Frauen reden. Wer dann den Fallstricken einer solchen Parallelsprache aus dem Weg gehen möchte, könnte das, indem er vorzugsweise nur noch über Männer spricht und schreibt. Aus der sprachlichen Separierung folgt so auch eine reale Separierung.

Der Separatismus, die Sexualisierung der Sprache und die Auflösung von Grammatik und Rechtschreibung behindern die Kommunikation. Wer nicht so gut Deutsch kann oder sich an den Sprachspielen nicht beteiligen will, wird ausgegrenzt. Bei jeder Äußerung muss auf die jeweils erwünschte Ausdrucksweise geachtet werden. In Universitäten können viele Leute deshalb kaum mehr flüssig sprechen. Selbst Professoren schreiben Texte voller (nicht beabsichtigter) sprachlicher Fehler. Eine funktionierende Kommunikation ist aber essentiell für eine funktionierende Gesellschaft.

Es besteht die Gefahr, dass die Wörter statt nur in Genera immer mehr in Geschlechter eingeteilt werden. Die vielen Maskulina könnten so interpretiert werden, dass ein Großteil der Welt männlich ist. Die normale Welt wird dann als Männerwelt definiert und dazu eine parallele Frauenwelt konstruiert. Anstatt sich von der Männerwelt trennen zu wollen und die große Lücke mit lauter Neuerfindungen zu füllen, sollten wir lieber einfach aufhören, diesen Teil als männlich zu sehen.

6 Lösungen in anderen Sprachen

Die deutsche Sprache gehört zu den germanischen Sprachen, zu denen u. a. auch Niederländisch, Englisch und die nordischen Sprachen Schwedisch, Norwegisch, Dänisch, Isländisch und Färöisch zählen. Diese Sprachen sind interessant, weil dort gefundene Lösung wegen der Verwandtschaft der Sprachen möglicherweise auch auf das Deutsche anwendbar sind. Das Lateinische und die davon abstammenden romanischen Sprachen wie Italienisch, Französisch und Spanisch gehören dagegen nicht zu den germanischen Sprachen, sondern nur zur übergeordneten indogermanischen Sprachfamilie. Die Verwandtschaft mit dem Deutschen ist hier also weiter entfernt, so dass die Konzepte der Sprachen nicht unbedingt verglichen werden können. Dies ist vor allem deshalb ein Problem, da die deutsche Grammatik oft mit lateinischen Konzepten und Begriffen erklärt wird. Die Bezeichnungen Maskulinum, Femininum und Neutrum sind lateinisch und passen nicht unbedingt zur Funktion dieser Genera in der deutschen Sprache. Trotzdem werden sie auch hier verwendet, um Verwirrung zu vermeiden.

6.1 Schwedisch

Schweden gilt als besonders fortschrittlich, insbesondere was das Zusammenleben der Geschlechter betrifft.

Es gibt im Schwedischen zwei Genera, nämlich Utrum und Neutrum. Mit den biologischen Geschlechtern haben diese nichts zu tun. Personenbezeichnungen haben daher grundsätzlich nur eine Form. Diese ist geschlechtsneutral, sofern sie nicht inhaltlich ein bestimmtes Geschlecht bezeichnet, wie z.B. man (Mann), kvinna (Frau), fader (Vater), moder (Mutter), bror (Bruder), syster (Schwester), pojke (Junge), flicka (Mädchen). Es gibt nur wenige Ausnahmen mit geschlechtsspezifischen Formen. Diese werden entweder durch Movierung, z.B. skådespelare → skådespelerska (Schauspieler → Schauspielerin), oder durch unterschiedliche Endungen gebildet, z.B. make/maka (Ehemann/Ehefrau). Es ist sehr angenehm, beim Sprechen nicht ständig an Geschlechter denken zu müssen. Die Behandlung der Geschlechter ist im Schwedischen also sehr gut gelöst.

Die weibliche Form wurde früher sehr ähnlich wie im Deutschen durch Movierung mit zusätzlichen Endungen gebildet, z.B. lärare → lärarinna (Lehrer → Lehrerin), värd → värdinna (Wirt → Wirtin). Diese Movierung wird heute aber kaum mehr verwendet. Sie ist anscheinend schlicht aus der Mode geraten und gilt als veraltet. Wenn dieser Weg im Schwedischen funktioniert hat, sollte er doch auch im Deutschen möglich sein.

Das Utrum im Schwedischen ist offenbar mit dem deutschen Maskulinum verwandt. Dies ist an den ähnlichen Wörtern und der ähnlichen Movierung zu erkennen. Auch das geschlechtsneutrale Possessivpronomen sin entspricht dem deutschen Maskulinum sein.

Für die Personalpronomen der dritten Person Singular han (er) und hon (sie) haben die Schweden das geschlechtsneutrale hen und das entsprechende Possessivpronomen hens eingeführt. Ein Linguist hat sich das 1966 ausgedacht. Auch hier wird also der Weg zu geschlechtsneutralen Formen konsequent weiterverfolgt. Die Schweden und und auch die dortigen Feministen machen damit das Gegenteil von dem, was viele deutschsprachige Feministen vertreten.

6.2 Englisch

Im Englischen gibt es Genera fast nur bei Pronomen und dort auch nur im Singular. Es sind die Pronomen he, him, his, she und her. Normalerweise werden diese dem tatsächlichen Geschlecht entsprechend verwendet. Falls das Geschlecht nicht bekannt ist, gibt es verschiedene Möglichkeiten: Traditionell fungiert hier das Maskulinum als Standardgenus. Alternativ gibt es Doppelnennungen wie „he or she“ oder Abkürzungen davon wie „he/she“ oder „s/he“. Die verbreitetste Lösung dürfte der Plural mit they, them und their sein. Diese erschwert zwar die Unterscheidung zwischen Singular und Plural, scheint aber weder mit der Grammatik noch mit der Aussprache größere Probleme zu bereiten.

Movierung ist nur noch bei wenigen Wörtern gebräuchlich, z.B. stuard → stuardess, actor → actress, prince → princess, waiter → waitress, widow → widower. Zu actor gab es auch noch die französische Form actrice und mit lateinischer Endung actrix. Der Trend geht aber weg von solchen Movierungen.

Berufsbezeichnungen ähneln von der Form sehr dem deutschen Maskulinum, z.B. teacher, student, professor, doctor. Trotzdem werden sie im Englischen ganz selbstverständlich geschlechtsneutral verwendet. Vermutlich liegt das daran, dass es zu diesen Wörtern kein Femininum gibt und keine Movierung üblich ist.

Früher hatte das Englische noch drei Genera wie heute das Deutsche. Diese lösten sich zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert langsam auf.

6.3 Niederländisch

Auch das Niederländische, welches die dem Deutschen ähnlichste Sprache ist, zeigt fortgeschrittene Entwicklungsprozesse in Richtung eines Utrums.

Der bestimmte Artikel unterscheidet nur zwischen Utrum de und Neutrum het. Der unbestimmte Artikel ist genusneutral een. Die Unterscheidung von Maskulinum und Femininum bei Substantiven kommt dadurch nur noch bei Possessivpronomen zum Vorschein. Ihr Stellenwert ist damit zurückgegangen.

7 Geschlechtsneutrale Formen als Lösung

Geschlechtsneutrale Formen sind nicht nur im Schwedischen und Englischen der Normalfall, sondern etwa die Hälfte aller Sprachen kennt nur solche. Auch im Deutschen sind sie die einzige sinnvolle und praktikable Lösung. Es stellt sich also die Frage, wie diese Formen aussehen könnten. Neben den bestehenden Genera wären auch neu konstruierte Formen möglich. Für die Eignung dieser Formen gibt es verschiedene Kriterien:

Die Formen sollten nicht komplizierter sein als die bisher verwendeten Formen, denn Sprachen tendieren zur Vereinfachung. Je einfacher eine Form ist, desto besser wird sie akzeptiert werden. Die einfachste ist normalerweise die kürzeste Form, und somit die mit der kürzesten oder gar keiner Endung. Sehen wir uns also an, bei welchen Personenbezeichnungen welche Formen die einfachsten sind. Bei Wörtern mit nur einer Form ist es natürlich eben diese Form. Dies gilt sowohl für Bezeichnungen mit unbestimmtem Geschlecht, z.B. der Mensch, die Person, das Kind, als auch für solche mit bestimmtem Geschlecht, z.B. der Mann, die Frau, das Mädchen. Bei Wörtern, die moviert werden können, ist die einfachste Form immer die ohne Movierung. Diese Wörter sind meistens Maskulina, manchmal Feminina und niemals Neutra.

Eine neue Endung für eine geschlechtsneutrale Form wäre immer komplizierter als die endungslose Form und wird sich deshalb nicht als ständig verwendete Form durchsetzen. Aus dem selben Grund setzt sich auch die relativ komplizierte movierte Form nicht als geschlechtsneutrale Form durch. Das Neutrum eignet sich nicht als generelle geschlechtsneutrale Form, da dieses eine andere Funktion in der Sprache hat. Aber das Neutrum gleicht ohnehin weitgehend dem Maskulinum.

Um akzeptiert zu werden, sollten die Formen möglichst wenig von den bisherigen Sprachgewohnheiten abweichen. Zu diesen gehört, dass das Maskulinum im Deutschen das Standardgenus ist. Theoretisch wäre zwar denkbar, auf ein anderes Standardgenus umzulernen, aber dies wäre sehr aufwendig und würde damit die Akzeptanz erheblich beeinträchtigen.

Dem schwedischen Utrum und dem englischen Einheitsgenus entspricht weitgehend das deutsche Maskulinum. Dies spricht dafür, dass das Maskulinum für diese Rolle geeignet und tatsächlich praktikabel geschlechtsneutral verwendbar ist. Die ständige Verwendung geschlechtsspezifischer Formen ist in einer Sprache offenbar nicht notwendig.

Die sinnvollste Möglichkeit ist also, alle Genera als geschlechtsneutral zu betrachten, wobei das häufigste und Standardgenus dabei das Maskulinum sein wird. Es mag naheliegen, deshalb das deutsche Maskulinum in Utrum umzubenennen. Dies würde aber der Tatsache nicht gerecht, dass es auch geschlechtsneutrale Feminina gibt.

7.1 Artikel und Pronomen

Insgesamt ist die Frage bei Artikeln und Pronomen weniger dringlich als bei Substantiven, da es hier noch die geringsten Probleme gibt. Sie beziehen sich oft auf eine bestimmte Person mit bekanntem Geschlecht, weshalb geschlechtsspezifische Formen dort akzeptiert sind. Betroffen ist grundsätzlich nur der Singular und bei Pronomen nur die dritte Person. Viele Pronomen werden gar nicht nach Genus unterschieden.

In den meisten Fällen können die Artikel und Pronomina des Maskulinums ohne wesentliche Probleme geschlechtsneutral verwendet werden. Beispielsweise hat der unbestimmte Artikel ein keine spezifische Maskulinum-Endung, sondern ist sogar kürzer und damit praktischer als das abgeleitete Femininum eine. Der Possessivartikel sein entspricht dem Schwedischen Utrum sin und wird bei weiblichen Neutra auch bisher schon regelmäßig für weibliche Personen verwendet. Er wird passenderweise auch mit den geschlechtsneutralen Indefinitpronomen man, jemand und niemand verwendet.

Andererseits spielt das Geschlecht bei Artikeln und Pronomen eine größere Rolle als bei Substantiven. Auch im Schwedischen und Englischen sind einige wichtige Pronomen geschlechtsspezifisch. Es gibt dort Konzepte für geschlechtsneutrale Pronomen, diese werden aber eigentlich nur angewandt, wenn das Geschlecht der bezeichneten Person nicht bekannt ist.

Da Pronomen und Artikel im Deutschen gleichzeitig auch nach Genera unterschieden werden, kommt es regelmäßig dazu, dass Genus und Geschlecht nicht übereinstimmen. Wenngleich die Endung -er im Deutschen nicht nur für das Maskulinum verwendet wird, sondern etwa auch für Genitiv und Dativ Femininum oder die Wörter die Mutter, die Tochter, die Schwester, die Mauer, die Leiter und das Zimmer, scheint doch die Verwendung dieser Endung für Personen weiblichen oder unbekannten Geschlechts das meiste Missfallen hervorzurufen. Eine mögliche Abhilfe dafür könnte sein, diese Endung an besonders störenden Stellen zu einem hilfsweisen Utrum zu modifizieren:

7.2 Ein hilfsweises Utrum

Für die bestimmten Artikel Nominativ Singular der und die ergibt sich aus deren gemeinsamen Buchstaben der niederländische bestimmte Artikel Utrum de. Dieser könnte ohne größere Probleme auch im Deutschen eingesetzt werden. Er ist einfach zu schreiben und auszusprechen, er ist kaum verwechselbar und er ist leicht verständlich, auch weil er an das englische the erinnert. Als Utrum drückt er explizit aus, dass der entsprechende Ausdruck geschlechtsneutral zu verstehen ist. Und dies auf eine wesentlich einfachere Weise als alle im Abschnitt 4 genannten Versuche.

Zunächst nur im Nominativ eingesetzt gäbe es dann verschiedene Möglichkeiten, dieses neue Utrum auszuweiten. Der Artikel könnte wie beim deutschen Neutrum auch für den Akkusativ verwendet werden oder wie im Niederländischen, Englischen und Schwedischen für alle Kasus. Das wäre sehr einfach, hätte aber den kleinen Nachteil, dass es der typisch deutschen Deklination nicht gerecht würde.

Für die Personalpronomen Nominativ Singular er und sie kann aus deren Vokallauten und dem englischen they als Personalpronomen Utrum ey oder ej abgeleitet werden. Auszusprechen ist es wie in they oder auch in hey, was auch im Deutschen oft verwendet wird. In Schwedischen kommt der Laut häufig vor, etwa in den Wörtern ej (nicht), hej (Hallo), mig (mich), dig (dich), sig (sich) oder mejl (E-Mail). Im Deutschen wie im Schwedischen ist der Buchstabe „j“ üblicher als „y“. Die Buchstabenkombination ey verleitet dazu, sie wie oft im Englischen nur wie „i“ auszusprechen und sie mit ähnlichen englischen Wörtern auf -y zu verwechseln. Aus diesen Gründen wird hier der Form ej der Vorzug gegeben.

Es wäre auch möglich, den bestimmten Artikel durch ein angehängtes „j“ daran anzugleichen. Die resultierende Form dej würde wie die anderen bestimmten Artikel lang ausgesprochen, was zumindest bei der Verwendung als Demonstrativ- und Relativpronomen gewohnter klingt als das kurze de, andererseits aber nicht ganz so intuitiv verständlich ist und von der Aussprache auch an das schwedische dig (dich/dir) erinnert. Alternativ könnte auch das de bei Bedarf lang ausgesprochen werden.

Als Akkusativ und Dativ des Personalpronomens bieten sich ehn und ehm an. Um eine klare Kasus-Unterscheidung zu ermöglichen, werden ihn und ihm als Ausgangspunkt verwendet und durch den Vokal „e“ an die anderen Utrum-Formen angeglichen. Durch den langen Vokal mit Dehnungs-h werden die neuen Formen genauso ausgesprochen wie die bestehenden Formen ihn, ihm, ihr und ähnlich wie der Nominativ ej. Das Ergebnis erinnert an den englischen Akkusativ und Dativ them und auch das schwedische hen. Dieses wäre eine weitere mögliche Alternative. Zum Nominativ und Akkusativ hen bietet sich als Dativ hem an.

Eine nächste Möglichkeit ist, das Prinzip bei Bedarf auf andere Wörter zu übertragen, indem aus den neuen Artikel und Pronomen die neue Utrum-Endung -e abgeleitet wird. Diese wird an ein Wort angehängt oder ersetzt eine vorhandene Endung. Alternativ kann eine erweiterte Endung -ej verwendet werden, wenn das Ergebnis sonst mit einer anderen Form zusammenfallen würde oder schlecht aussprechbar wäre. Sie kann ein bereits vorhandenes „e“ ersetzen und auch vor Kasus-Endungen wie -n, -m und -s eingefügt werden.

Als Possessivartikel und -pronomen kann ejs oder das schwedische hens zu sein/ihr übernommen und mit den entsprechenden Endungen versehen werden. Entsprechend ergibt sich ejser oder henser als das sehr seltene Genitiv-Personalpronomen.

Der Endungsvokal -e bietet sich auch an, weil er im Gegensatz zu -o und -a nicht klar mit einem bestimmten Genus assoziiert wird. Etwa 70 % der Substantive auf -e sind Feminina, die meisten anderen Maskulina, manche Neutra. Personenbezeichnungen auf -e können sowohl Maskulina als auch Feminina sein, z.B. Bote, Geologe, Tante, Hexe, Azubine. Gleiches gilt für Tiernamen, z.B. Hase, Löwe, Katze, Fliege. Auch der Plural kann bei beiden Genera auf -e enden, z.B. Zwillinge, Vorstände, Mägde, Bräute, Pfaue, Stiere, Gänse, Säue. Bei Artikeln und Pronomen steht -e für Femininum oder Plural, bei Adjektiven für Femininum oder Neutrum. Auch in den bekannten Fremdsprachen hat die Endung -e ganz unterschiedliche Bedeutungen.

Andere Endungen sind für bestimmte Bedeutungen vergeben, wären ungünstiger in der Aussprache oder wären länger und damit umständlicher. Die in manchen Kreisen stellenweise verwendete Endung -i wird entweder als Plural oder, wie auch -y, als Koseform wahrgenommen.

Theoretisch ließe sich so für alle Singular-Kasus von Artikeln, Pronomen, Adjektiven und Substantiven ein entsprechendes Utrum bilden. Das wird freilich nicht immer notwendig und sinnvoll sein. Wann solche Formen verwendet werden und wie diese dann genau aussehen, muss sich in der sprachlichen Praxis entwickeln. Es gibt dafür auch noch viele andere Vorschläge.

Damit die neuen Formen akzeptiert werden und sich verbreiten, müssen sie nicht nur möglichst attraktiv sein, sondern dürfen auch nicht überfordern. Deshalb sollte mit nur einem oder möglichst wenigen neuen Wörtern begonnen werden. Als Erstes kommen dafür Artikel und Personalpronomen in Frage, weil es hier den größten Bedarf gibt und es für die Einführung von Personalpronomen bereits erfolgreiche Beispiele in anderen Sprachen gibt. Möglicherweise sind Artikel und Pronomen auch bereits ausreichend.

Ziel dieses Utrums ist nicht, Maskulinum und Femininum zu ersetzen oder auf eine geschlechtsspezifische Bedeutung einzuschränken. Das wäre schlicht unrealistisch, da das Maskulinum bei Substantiven die kürzeste Form bleiben wird und kaum etwa in zusammengesetzten Begriffen durch eine längere Form ersetzt werden wird. Sondern es soll eine zusätzliche Ausdrucksmöglichkeit zu schaffen, die sich im Gegensatz zu den bisherigen Ansätzen in die deutsche Grammatik und Aussprache integriert. Im Gegensatz zu Formen mit weiblicher Movierung lässt ein solches hilfsweises Utrum zu, dass auch die bestehenden Genera geschlechtsneutral bleiben. In anderen Sprachen gibt es damit auch keine Probleme.

7.3 Hinweise auf Geschlechtsneutralität

Anstatt auf Frauen, ist es sicher besser, darauf hinzuweisen, dass die Wörter geschlechtsneutral zu verstehen sind. Dazu haben sich verschiedene Möglichkeiten entwickelt.

Vor allem aus Stellenanzeigen ist der Zusatz „(m/w/d)“ bekannt – seltener auch mit einer anderen Reihenfolge oder anderen Zeichen anstelle des „d“. Der Zusatz ist zwar aussprechbar („emwedeh“), aber ebenso wie geschrieben nicht sehr elegant. Vielleicht ist es deshalb auch sinnvoller, ihn nur schriftlich zu verwenden und beim Vorlesen einfach wegzulassen. Um das Lesen möglichst wenig zu stören und auch Platz zu sparen, könnte der Zusatz auch hochgestellt direkt an das Wort angefügt werden, z.B. „Lehrermwd“.

Dieser Ansatz integriert sich zwar nicht in die Sprache, zerstört sie aber auch nicht. Für eine nachhaltige Veränderung der Sprache ist er eher nicht geeignet, aber hilfsweise zur Vermeidung von falschen Interpretationen schon brauchbar. Ein kleiner Nachteil ist der, den alle dezidiert geschlechtsneutalen Formen haben: Sie könnten dazu verleiten, Maskulina ohne Hinweis als männlicher zu verstehen.

Eine noch platzsparendere Möglichkeit ist ein an das Wort angefügter Stern, also ohne ein folgendes „innen“. Dieser führt allerdings oft zu Irritationen. Hochgestellt wird er für eine Fußnote, in normaler Schrift für eine Hervorhebung gehalten. Dafür dann tatsächlich eine Fußnote anzulegen, kann zwar Fragen klären, verbessert die Lesbarkeit aber nicht. Eine Möglichkeit zur Aussprache ist nicht bekannt.

Gelegentlich liest man bei Texten die Anmerkung, dass der besseren Lesbarkeit wegen nur die männliche Form verwendet werde und Frauen darin mit eingeschlossen seien. So ist das aber zumindest eine unglückliche Formulierung. Denn die unmovierte Form ist nicht männlich, sondern geschlechtsneutral, unabhängig von ihrem jeweiligen Genus. Wir schließen damit Frauen nicht ein oder meinen sie mit, sondern wir meinen einfach alle. Falls solche Anmerkungen sinnvoll sein sollten, dann sollten sie als Hinweis auf die Geschlechtsneutralität formuliert werden.

8 Perspektive

Von heute auf morgen lässt sich die Sprache nicht ändern. Wir können aber entscheiden, in welche Richtung wir sie langfristig verändern wollen. Entweder in Richtung eines totalen Chaos aus permanenten Geschlechteraufzählungen und unsinnigen Ersatzwörtern oder in Richtung von einfachen geschlechtsneutralen Formen.

Ansonsten gibt es natürlich auch die Möglichkeit, die Sprache so zu lassen, wie sie ist. Das wäre jedenfalls besser als ein völliges Chaos. Wegen höheren Zielen auf diese Verluste keine Rücksicht zu nehmen, lässt sich als Fanatismus einordnen.

Der Weg wird vermutlich lang. Denn nachdem wir hier schon seit etwa 40 Jahren auf dem Holzweg sind, müssen wir diesen Weg auch wieder zurück gehen. Das wird um so schneller gehen, je besser es uns gelingt, erste Utrum-Formen zu entwickeln, zu verwenden und zu verbreiten, welche die ständigen Movierungen überflüssig machen.

Immerhin geht der Trend nicht nur in anderen Sprachen, sondern auch in der deutschen Umgangssprache bereits grundsätzlich in die richtige Richtung, nämlich die der Vereinfachung. Artikel werden immer öfter weggelassen, und damit das Genus immer weniger festlegt. Movierungen nehmen zwar zu, nicht aber Doppelnennungen. Von den Verkomplizierungstendenzen in manchen Elfenbeintürmen ist die Umgangssprache weitgehend verschont geblieben. Langfristig wird die Bedeutung der Genera wie in der englischen, schwedischen und niederländischen Sprache zurückgehen.

9 Konsequenz

Wir sollten Frauen in der Sprache nicht als Sonderfälle, sondern als normale Menschen behandeln. Auf Movierungen sollten wir deshalb wann immer möglich verzichten.

In den meisten Fällen kann die Movierung auch heute schon problemlos weggelassen werden. Die inhaltliche Bedeutung der Movierung schwindet ohnehin. Denn man kann sich heute nicht mehr darauf verlassen, dass damit tatsächlich Frauen gemeint sind. Darauf muss deshalb oft zusätzlich hingewiesen werden, um eindeutig verstanden zu werden. Eine zugleiche Movierung wirkt dann wie eine Verdopplung oder besondere Herausstellung der Weiblichkeit. Sie ist nicht nur redundant, sondern irritiert auch.

Ansonsten bietet auch das neue Utrum eine Alternative. Langfristig könnte durch den Verzicht auf die Movierung diese bei immer mehr Wörtern unüblich werden. Die nicht movierten Formen werden dann immer selbstverständlicher als geschlechtsneutral verstanden werden.

Sachliche Kommentare wie Fragen, Entgegnungen und Hinweise auf Argumentationslücken sind willkommen. Unsachliche Kommentare werden als Anzeichen für den geistigen Zustand des Absenders eingeordnet.

Die Frau als Sonderfall

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